Sind alle verrückt geworden? von Helke Sander
Mit ca. 600 Milliarden Euro soll die Bundesrepublik erreichen, dass ihre Einwohner kriegstüchtig werden. Einerseits soll sich ein größerer Teil der jüngeren Bewohner und Bewohnerinnen als Soldaten für das Vaterland opferbereit machen und dazu vorher in renovierten Kasernen besser ausgebildet werden. Ein kleinerer Teil, hochqualifizierte Fachleute, sollen die komplizierten Rüstungsgüter bedienen. Sie können in irgendeinem Dorf fernab des Ziels sitzen, um dies mit einem Mausklick zu erreichen und von der Landkarte verschwinden zu lassen.
Wie in seltenen Umfragen zu erfahren ist, denken junge Leute eher skeptisch über die für sie vorgesehene Karriere.
Ich habe seit 1978 immer mal wieder in verschiedenen Texten auf Mr. Baroody aus Saudi-Arabien aufmerksam gemacht und finde es höchste Zeit, dies wieder zu tun.
Was zeichnete diesen Mann aus?
In den deutschen Zeitungen stand im Juni 1978 eine nur wenige Zeilen umfassende und in ironischem Tonfall verfasste Notiz über einen Redner aus Saudi-Arabien, der in der UNO-Vollversammlung im Mai/Juni 78, bei der auch Schmidt und Genscher anwesend waren, in seinem Vortrag u.a. unkonventionelle Beschlüsse forderte, um die Kriegsgefahr einzudämmen. Vor kriegerischen Handlungen sollte ein Mütterkomitee aus den betreffenden Ländern gemeinsam tagen und Wege finden, den Krieg zu verhindern und – sollte dies nicht gelingen – dann dürften nur Männer über 35 Jahre eingezogen werden, weil die es sind, die normalerweise Kriegshandlungen beschließen, aber selber in Sicherheit sitzen und jüngere Menschen opfern.
Zu diesem Artikel gab es meines Wissens keinerlei Kommentare. Ich besorgte mir später in der saudiarabischen Botschaft in New York die Rede. Auskunft über diesen Mann bekam ich nicht. Ich fürchtete, dass sein Vortrag für ihn tödlich war.
(Er ist tatsächlich 1979 gestorben, wie inzwischen im Internet zu lesen ist:
https://en.wikipedia.org/wiki/Jamil_Baroody
oder hier: [url=https://aub.edu/articles/Pages/Jamil_Baroody.aspx]https://aub.edu/articles/Pages/Jamil_Baroody.aspx[/url]
und hier: [url=https://time.com/archive/6844011/united-nations-jamil-the-]https://time.com/archive/6844011/united-nations-jamil-the-[/url] irrepressible/. Allerdings nichts über diese Rede.
Er sagte u.a., dass es so nicht weitergehen könne. Man müsse erkennen, dass die Politiker endlos wiederholen, was sie alles für den Frieden der Welt machen wollen, aber je mehr geredet würde, desto mehr würde aufgerüstet. Seine Vorschläge seien aus der Not geboren und unkonventionell. Er berichtete, dass Politiker in ihren eigenen Staaten unter großem Druck stünden. Das bedeute, dass man bei dauerndem Druck nicht mehr vernünftig denken und handeln könne und der Druck weiterbestehe, den zu lösen sie angetreten sind.
Mütter hätten ein Interesse daran, Konflikte auf eine Weise zu lösen, bei der ihre Söhne und Männer nicht sterben müssten. Außerdem mache die moderne Kriegsführung die Infanterie überflüssig zugunsten der „Knopfdruck- Operationen“.
Das alles sagte Herr Baroody aus Saudi-Arabien 1978.
Und weder war es Politikern noch Zeitungen ernsthafte Reaktionen wert.
(Ich hoffe, die Rede ist noch verfügbar in den Botschaften. Mein Exemplar ist im Lauf der Jahrzehnte in anderen Papieren verschwunden und zur Zeit nicht auffindbar. Es gibt ein Videoband „Wie kommt das Kamel durchs Nadelöhr“, über einige der damals ca. 40jährigen Mütter, die ich zur Diskussion über Baroodys Thesen eingeladen hatte.)
Der Krieg in der Ukraine ist jetzt mehr als 3 Jahre alt.
Zum ersten Mal scheinen Gespräche zur Beendigung aussichtsreich. Vermutlich zu Bedingungen, die heute verlustreicher für die Ukraine sind als zu Beginn. Tausende jetzt Toter und Verstümmelter könnten noch leben bzw. wären unversehrt. Vielen Beobachtern und Beobachterinnen war es schon damals klar, dass an einen SIEG der Ukraine gegen das große Russland nicht zu denken war. Waffenlieferungen verlängern ihn lediglich.
Ein moderner Krieg kann nicht gewonnen werden. Vernichtung droht Angreifern wie Angegriffenen je länger er dauert.
Wenn man das weiß, dann wundert man sich über die geschürte momentane Kriegsangst einerseits und wundert sich nicht darüber, dass viele ukrainische Männer es bisher schon vorgezogen haben, sich der Wehrpflicht zu entziehen. Sie wollen lieber leben und dafür Land opfern. Dabei ist es ärgerlich und interessant, was nicht bei Wikipedia zu finden ist. Vor einiger Zeit wurde die Zahl der geflüchteten potentiellen Soldaten aller Altersgruppen mit knapp 900.000 angegeben. Neuerdings spricht man von einer Zahl zwischen 100.000 und 250.000. Noch weniger Chancen hatten russische Soldaten, die auch die Flucht versucht haben.
Die Ukraine ist ein vielsprachiges Land und hat sich in Sowjetzeiten mit den verschiedenen Volksgruppen vermischt. Ukrainisch war nicht die einzige Amtssprache. Es gab sehr viele Parteien mit höchst unterschiedlichen Vorstellungen über das Land. Von denen hört man praktisch nie etwas.
Wir wissen nicht, was die vielen kriegsmüden Ukrainer alles wollen.
Was es aber immer noch in Russland gibt und 1989 gegründet wurde, ist die Union der Komitees der Soldatenmütter Russlands. (Mit Ablegern in anderen Ländern und z.T. anderen Namen in Russland)
Zur Erinnerung:
Die Rolle der Mütter im ersten Tschetschenien-Krieg
„Auch im ersten Tschetschenien-Krieg in den 90ern setzten sich Russlands Mütter zur Wehr und forderten von "Mutter Russland" ihre Söhne zurück. Melnikowa und andere marschierten einfach in den Krieg, verhandelten mit den Tschetschenen direkt, um ihre eingezogenen Söhne rauszuholen. Es war der Anfang vom Ende des ersten Tschetschenien-Kriegs.“ (Quelle: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ausland/soldaten-muetter-frauen-russland-100.html. Es gibt zu den russischen Soldatenmüttern ebenfalls Eintragungen bei Wikipedia)
Das sind vereinzelte Stimmen. Mich wundert, warum die verschiedenen internationalen Institutionen, die sich für Abrüstung und Diplomatie und Frieden einsetzen, in der öffentlichen Debatte kaum mehr vorhanden sind.
Sie wären bei diesem dauernden Kriegsgeschrei nötig.
Wovon wir aber immer wieder hören, sind die Milliardengewinne bei Rheinmetall.
Es gibt 25 Länder – allerdings kleinere – die keine Armeen unterhalten.
Helke Sander © März 25
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